Tübingen

Buch - Von tückischen Fahrstunden, übereifrigen Bütteln und dem Treffpunkt für Liebespaare: Eleonore Wittke hat Anekdoten gesammelt und aufgeschrieben

Geschichten aus Tübingen

TÜBINGEN. »Die Leute sind sehr offen. Das hat wirklich Spaß gemacht«, sagt Eleonore Wittke. Die Autorin hat »ihre« Tübinger keineswegs verschlossen erlebt, sondern auskunftsbereit und freundlich. Für eine Sammlung von Geschichten und Anekdoten hat sie Menschen gesucht, die etwas zu erzählen haben. Hat sie befragt und das Gehörte aufgeschrieben. Und alles schließlich in Form gebracht.

Heiteres und Nachdenkliches

Wittke kennt sich aus mit Geschichten und Erzählungen. Als Journalistin weiß sie, wie man knapp und präzise und gleichzeitig spannend und anschaulich berichtet. Seit Jahren lebt die studierte Soziologin und Dozentin in der Erwachsenen-Bildung in Kusterdingen-Mähringen, gibt Kurse in kreativem Schreiben und berät ältere Menschen, die ihre Lebens-Erinnerungen schriftlich festhalten wollen.

Das neue Buch-Projekt hat Wittke von Anfang an gereizt. Sie spannt den Bogen von den 30er- bis zu den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts und wählt aus der Fülle des Materials viel Heiteres und Kurioses, bringt aber auch Nachdenkliches und Bedrückendes.

In dem Büchlein wird erzählt von den Zeiten, als am Neckartor noch ein Kino war und Kinder an Weihnachten noch keine Playstation oder Laptops bekamen. Und als Horst Tappert noch nicht Derrick war, aber in Tübingen regelmäßig auf der Bühne stand. Wittke schildert tückische Fahrstunden von damals, als der Büttel noch glaubte, Frauen dürften nicht ans Steuer, und beschreibt Begebenheiten rings um die »Glas-Oase in der Stadtmitte« - ein Palmenhaus im Alten Botanischen Garten. In der Titelgeschichte geht's um den Treffpunkt für Liebespaare und Studenten, einen schmalen Pfad mit Mäuerchen entlang des Neckars.

Mit Prominenz

Auch bekannte Tübinger kommen vor, von Hedwig Rieth bis zu Ernst Bloch. »Man erfährt, dass die junge Herta sonntags an der Hand ihres Vaters, Oberbürgermeister Hans Gmelin, Baustellen inspizierte, und dass der kleine Boris Palmer an Markttagen sehnsüchtig auf die Rathausuhr schielte, weil er endlich den Stand zusammenräumen wollte.«

Hoch erfreut war die Autorin über die Unterstützung der Fotografen, die gerne ihre Schwarz-Weiß-Aufnahmen zur Verfügung stellten. Sie ist überzeugt: Mancher, der Tübingen kennt, freut sich über Bekanntes und erfährt zugleich Neues. »Und wer mit Tübingen nicht so vertraut ist, stößt einfach auf interessante Geschichten.« (-jk)

Um Zwölf am Zwingel
Eleonore Wittke: »Dann um zwölf am Zwingel - Geschichten und Anekdoten aus Tübingen«. 80 Seiten, mit Schwarz-weiß-Fotos. 11 Euro.


Literatur - Inflation, Feldarbeit, Matador-Baukästen und alte Fotos: Eleonore Wittke hat den Jahrgang 1922 porträtiert.
Aus: Reutlinger Generalanzeiger 30.12.2006»

10 Millionen kost' das Pfund«

KUSTERDINGEN-MÄHRINGEN. »1, 2, 4 und 5 Millionen, meine Mutter, die kocht Bohnen, 10 Millionen kost' das Pfund - ohne Speck bist du weg!« So lautet ein Abzählreim aus den 20er Jahren zur Zeit der Inflation, den Eleonore Wittke zitiert. Vielen anderen hat sie beim Bücherschreiben schon geholfen. Jetzt hat die Mähringerin selbst gleich mehrere Werke verfasst. Darunter den ersten Band einer fast 60-teiligen Reihe aus dem Wartberg-Verlag über Kindheit und Jugend der Jahrgänge 1922 bis 1978, der vor ein paar Wochen als letzter der Serie erschienen ist.

Die Bücher schildern Alltagsgeschichten vom Kindergartenbesuch über Schul-Erlebnisse oder den Start ins Berufsleben bis zur ersten Liebe - von Vertretern des Jahrgangs erzählt oder selbst geschrieben. Weil es schwierig war, Autoren zu gewinnen, die über 80 sind, hat der Verlag jüngere beauftragt, die Erinnerungen aufzuschreiben. Eleonore Wittke wurde der Jahrgang 1922 zugeteilt. Sie fand ihren Erzähler in einem Tübinger Seniorenclub: Gerd Gabriel stammt ursprünglich aus Berlin, war Soldat und kam nach dem Krieg an den Neckar.

Sammelalben als Quelle

Im Mai dieses Jahres haben sich die beiden das erste Mal getroffen und mehrere Stunden lang unterhalten. Vom Verlag gab es einen Fragenkatalog, der mit biografischen Details und entscheidenden Daten aus der Zeit von 1922 bis 1940 ergänzt wurde. »Es sollte aber keine Biografie eines Einzelnen werden, sondern zur Identifikation einer ganzen Altersgruppe dienen«, sagt Eleonore Wittke. In der Wir-Form wird das Leben sowohl von Großstadtkindern als auch von jungen Leuten aus dem Dorfmilieu dargestellt. Nur zwei Mal ist Gerd Gabriel direkt zu identifizieren.

In dem Buch werden die Zeit der Inflation, der Arbeitslosigkeit, der Unruhen der Weimarer Republik und der Beginn der Nazi-Zeit lebendig. Kinder kannten den Schwarzmarkt und Tauschgeschäfte, in den Dörfern mussten sie den Eltern bei der Feldarbeit helfen, in der Küche oder bei der Versorgung der Geschwister. Gabriel erzählte sehr eindrucksvoll von den olympischen Spielen 1936, wo ihn vor allem die Menschenmassen beeindruckten. »Das habe ich so auch noch nie gehört«, sagt Eleonore Wittke.

Es wurde mit Murmeln, Kreisel und Stelzen, »Mensch ärgere dich nicht« oder Mikado gespielt. Die Mädchen bemutterten ihre Puppen aus Pappmachée mit Porzellankopf, die Jungen entwarfen mit Matador-Baukästen Kutschen, Autos und Bahnen. Vieles war Eleonore Wittke aus Berichten der Eltern bekannt. »Aber der »Holländer«, ein über eine Handdeichsel angetriebenes Gefährt, war etwas komplett Neues.«

Für ihre Recherche zu den geschichtlichen Hintergründen nutzte Eleonore Wittke das historische Museum in München, fragte aber auch Familienmitglieder, fand alte Bücher und Fotos, Briefmarken, Liedtexte sowie Bilder aus Sammelalben ihres Vaters: einmaliges authentisches Material aus der Zeit. »Das war mir ganz wichtig«, sagt die Autorin. Bei ihren Nachforschungen habe sie viel gelernt, sagt sie. Über die Erfindung des Papier-Taschentuchs zum Beispiel. Dass es damals schon amerikanische Musik gab und für zehn Pfennig Western-Filme mit Tom Mix im Kino. »Etwas, das man heute nicht unbedingt weiß.«

Neben dem Jahrgangsbuch hat Eleonore Wittke ein Geschenkbüchlein über die Schwäbische Alb geschrieben: aus der Sicht einer in Norddeutschland Aufgewachsenen. So hat sie ganz individuelle Schwerpunkte gesetzt, vieles aus der eigenen Biografie eingeflochten und zwei Zeichnungen ihrer Mutter veröffentlicht.

Eigene Projekte geplant

1971 hat Eleonore Wittke ihr Volontariat in Hamburg abgeschlossen, um dann für Fachzeitschriften, Zeitungen und Agenturen zu arbeiten. Seit einigen Jahren leitet sie eine Schreibwerkstatt in Mähringen, ermutigt andere zum Texten. Eine ihrer Schreibgruppen-Teilnehmerinnen, Evelyne Okonnek, erhielt 2005 für ihren ersten Fantasy-Roman den Wolfgang-Hohlbein-Preis. »Sie hat mich längst überholt«, gesteht Eleonore Wittke lachend.

Nun selbst etwas in Buchdeckeln gebunden zu haben, ist schön, sagt die Mähringerin. »Das macht Mut, an ganz eigene Projekte zu gehen.« Ein Handbuch über kreatives Schreiben möchte sie als Nächstes verfassen. Da gebe es zwar schon einige, sie habe aber ein neues Konzept. Auch die Pläne für einen autobiografischen Roman hat sie bereits im Kopf: Über ihre eigene Kindheit, die 1945 verschollene Schwester und eine vor ein paar Jahren aufgetauchte Halbschwester in Griechenland. (Reutlinger Generalanzeiger)

VOR-GELESEN

Dann um zwölf am Zwingel - Geschichten und Anekdoten
Quelle: Schwäbisches Tagblatt, Tübingen, 2.9.2009

Kommet Se heut Abed wieder!“, raunzte einst die Tübinger Wirtin „Tante Emilie“ den Generalfeldmarschall Erwin Rommel an, als er bereits am Vormittag an die Tür der Gaststube klopfte. Respektlos? Nein. Nur konsequent. Denn Emilie Sauer machte beim Umgang mit ihren Gästen keinen Unterschied - ob das nun einfache Handwerker, Professoren oder eben der „Wüstenfuchs“ war.

 
Artikelbild: Dann um zwölf am Zwingel - Geschichten und Anekdoten

Über sie und andere Tübinger „Originale“ und über Orte, die es einst in der Stadt gab und die inzwischen verschwunden sind, verfasste die in Mähringen lebende Autorin und Schreibtrainerin Eleonore Wittke kürzlich das im Wartberg-Verlag erschienene Buch: „Dann um zwölf am Zwingel! Geschichten und Anekdoten aus Tübingen“.

Der kleine, handliche Band gibt einen Einblick in die Tübinger Geschichte vom Anfang des Jahrhunderts bis heute. Dabei geht es der Autorin nicht um allgemein bekannte Daten und Fakten, sondern um das ganz persönliche Leben von Menschen, die hier zuhause waren und sind. Sie hat bei ihrer Recherche in Heimatbüchern und Archiven gestöbert, aber auch viele Zeitzeugen aufgesucht und sich von „damals“ erzählen lassen. Oberbürgermeister Boris Palmer schildert seine kindlichen Markterlebnisse als Sohn des rebellischen Gemüsehändlers Helmut Palmer. Die spätere Ehrenbürgerin Alma Hämmerle erzählt, wie sehr sie sich nach dem Krieg über die Äpfel auf den Streuobstwiesen von Hagelloch freute.

Andere Ereignisse im Tübinger Alltagsleben sind nur noch als Anekdoten überliefert, wie beispielsweise die vom Schupo am Tübinger Tor. Als in einem Winter bei höllischem Glatteis der „Poschtler“ mit seinem Fahrrad ausrutschte und die Briefe wild durch die Gegend flatterten, rief der Schupo: „Geiht's no mehr so Dackel bei der Poscht?“. Worauf dieser trocken antwortete: „Noi, I bin der letzschde, alle anderen sind bei der Polizei“. Oder vom „Zeitungsfräulein Fischer“, die mit ihrem Handkarren die Tübinger Chronik auslieferte. Auch sie war „nicht auf's Maul“ gefallen.

So biete das Bändchen einen kurzweiligen Einblick in manche fast schon vergessenen Kuriositäten der Unistadt. Wer weiß wohl heute noch, dass es einst einen Zoo beim Bahnhof gab mit Affen, Zwergziegen, Braunbär Robert und einer Wildsau namens Moritz? ba

Eleonore Wittke, „Dann um zwölf am Zwingel! -Geschichten & Anekdoten aus Tübingen, Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen, 2009 Gebunden, 80 Seiten, mit schwarz-weiß Fotos, 11 Euro

Tübingen im Fokus 19. 12. 2008